Interview mit Gereon Wetzel, Anna Ginesti Rosell und Ingo Fliess

15 Monate begleitete Regisseur Gereon Wetzel mit seinem Team das Restaurant el Bulli. Der Film EL BULLI – COOKING IN PROGRESS zeigt intime Einsichten in die Arbeitsweisen von Ferran Adria und seinen Köchen. Wir haben mit Gereon Wetzel, Drehbuchautorin Anna Ginestí Rosell und Produzent Ingo Fliess über den Film gesprochen.

essen-und-trinken.de: Wie kamen Sie auf die Idee einen Film über das el Bulli zu machen?

Interview mit Gereon Wetzel, Anna Ginesti Rosell und Ingo Fliess
Regisseur Gereon Wetzel (39)

G. Wetzel: Eigentlich ging es uns nicht in erster Linie um das Essen und Trinken, sondern um den Prozess, wie etwas entsteht. Wir fanden es sehr interessant, dass sich das Team vom el Bulli für sechs Monate ausklinkt, um im Taller, der Kreativwerkstatt in Barcelona, aktiv zu sein. Unser Film ist sehr beobachtend und für dieses Konzept war das el Bulli ein „gefundenes Fressen“.

Das el Bulli ist ein Ort, an dem großes Interesse besteht und das alles, was man über Essen wusste, auf den Kopf stellt.

Ist das Essen im el Bulli für Sie Kunst?

G. Wetzel: Ich würde das Essen nicht ausschließlich als Kunst bezeichnen. Es ist aber ein konzeptioneller Akt und darf nicht nur unter dem Genussaspekt betrachtet werden. Wobei sich da die Frage anschließt, was Genuss eigentlich ist. Das Essen im el Bulli ist auf jeden Fall kein kurzzeitiger Kick. Vielmehr spannt das Menü einen großen Bogen. Es gibt dort Momente der Verwirrung, des Staunens, Aha-Erlebnisse. Wir waren am Schluss auch alle drei dort essen und durften das erleben.

Wie haben die Dreharbeiten Ihre Sicht auf das el Bulli verändert?

G. Wetzel: Meine Sicht auf das Essen wurde auf jeden Fall verändert. Wir haben sehr beobachtend gedreht wie eine „Fly on the Wall“, wie man das in der Filmbranche nennt. Anfangs haben wir gefilmt und nichts kapiert. Es war schwierig, die Arbeitsweise zu verstehen. Man fragt sich, wo man tiefer geht und was man beiseite lässt. Insbesondere weil uns die ganzen Unterlagen zur Verfügung gestellt wurden, haben wir viel verstanden. Außerdem haben Ferran und das Team viele Termine so gelegt, dass wir dabei sein konnten, wenn interessante Gerichte ausprobiert wurden. Dann gab es auch viele Glücksmomente, zum Beispiel als der Öl-Cocktail (ein Cocktail aus Wasser, Salz und Nussöl, Anm. der Redaktion) entwickelt wurde. Das hat uns sehr interessiert: Wie wird eine Idee entwickelt.

Ist es nicht schwierig, in einem Restaurant wie dem el Bulli als Filmteam nicht dauernd im Weg zu stehen?

G. Wetzel und Anna Ginestí Rosell lachend: Wir waren eigentlich dauernd im Weg, aber das el Bulli-Team war sehr geschickt. Sie haben sich wie ein Ballett um uns herum bewegt und wir waren auch nur zu dritt.

Wie war die Zusammenarbeit mit Ferran Adrià?

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Ferran Adrià hat mit seinen experimentellen Techniken die Kochwelt revolutioniert

G. Wetzel: Die Arbeit war gut, sehr produktiv und freundschaftlich. Es macht den Film aus, dass er beobachtet und dadurch haben wir so wenig gestört wie möglich. Ferran Adrià hat uns sehr gefördert und er ist ja auch jetzt hier in Berlin.

Beim el Bulli denkt man eigentlich zuerst an das Essen. Sie zeigen im Film aber auch viele Großaufnahmen von Gesichtern. Spielen bei Ihnen nicht das Essen, sondern die Menschen die Hauptrolle?

G. Wetzel: Im Film sieht man vor allem Figuren in einem kreativen Prozess. Zwar sieht der Zuschauer viel Essen, aber es fehlen erklärende Aufnahmen wie aus einer Kochshow. Ich wollte die Menschen in den Vordergrund stellen. Am Ende sieht man allerdings nochmals Aufnahmen aller Gerichte des Menüs und erinnert sich an die Speisen und Zutaten aus dem Film.

Ist es nicht ein bisschen gemein für die Zuschauer, dass sie all die schönen Speisen sehen und nicht mehr ins el Bulli essen gehen können?

G. Wetzel: Das wäre es, wenn es ein reiner Werbefilm wäre, aber es geht mehr um den Geist des el Bulli.

Ingo Fliess: Es ist ja nicht ganz unmöglich geworden, im el Bulli zu essen (das el Bulli soll in Form einer Stiftung weiter bestehen Anm. der Redaktion).

G. Wetzel: Und wir zeigen keine Gäste beim Essen. Diesen intimen Akt haben wir den Leuten gelassen. Der Film ist kein Restaurantersatz für el Bulli-Süchtige.

Ist der Film eine Art Vermächtnis des el Bulli?

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Die Köche Oriol Castro und Eugeni de Diego experimentieren in der el Bulli-Küche

G. Wetzel: Das muss Ferran entscheiden. Andere Filme haben sich auch schon mit dem el Bulli beschäftigt, aber unser Film spannt einen Bogen über 15 Monate. Eigentlich ist es eher eine Art Geschichtsschreibung als ein Vermächtnis, da das el Bulli ja weiterlebt.

Wie viel vom wahren el Bulli steckt denn in dem Film?

G. Wetzel: Sehr viel, obwohl es noch wahnsinnig viele weitere Aspekte gegeben hätte. Wir haben gerade im Taller sehr genau den Alltag beobachtet und man merkt, wie hart dieser ist. Wie schwierig es ist, immer frisch und kreativ zu bleiben. Es gibt auch Momente im Film, in denen es allen zu viel wird.

Wer sollte sich den Film anschauen?

G. Wetzel: Ihre Leser natürlich (lacht). Es ist ein Film für Foodies, aber es werden keine Rezepte geliefert. Es ist auch ein Film für kreative Leute wie beispielsweise Musiker und für Leute, die gern kochen. Köche können lernen, dass alles erlaubt ist. Dass man sich nicht auf Rezepte verlassen sollte, auch nicht auf Rezepte aus essen & trinken (schmunzelt).

Gehen Sie inzwischen auch öfters selbst ins Sternerestaurant?

G. Wetzel: Vorher haben wir das gar nicht gemacht, aber jetzt ab und zu. Wir können das Essen jetzt auch viel besser analysieren und wir fühlen uns in der Lage, Dinge zu kritisieren. Da reicht das Urteil schon einmal vom „Scheißkonzept“ bis zu „Superkonzept“.

A. Ginestí Rosell: Uns reizt jetzt das Kreative an der Sterneküche.

Haben Sie schon gewusst, dass das el Bulli schließen wird, als Sie den Film gedreht haben?

Interview mit Gereon Wetzel, Anna Ginesti Rosell und Ingo Fliess
Produzent Ingo Fliess, Regisseur Gereon Wetzel und Drehbuchautorin Anna Ginestí Rosell

Zuerst war nur die Rede von einer zweijährigen Pause. Dass das Restaurant endgültig schließen wird, haben wir beim Schneiden im Mai 2010 erfahren. Es hat den Film aber nicht beeinflusst.