Galloways: glückliche Rinder

Ultra Big ist zutraulich wie ein Hündchen: Er lässt sich gern von "Frauchen" Judith Reinhard den Rücken kraulen. Als Schmusetier für die Stadtwohnung ist der Vierbeiner trotzdem nicht geeignet, denn es handelt sich um einen ausgewachsenen Galloway-Bullen mit eigener Herde.

Friedfertige Rinder

Galloways: glückliche Rinder
Galloway-Rinder brauchen wie hier in Wistedt viel Platz

Ultra Bigs Harem besteht aus zehn schwarz gelockten Kühen. Mit ihren vier Kälbern weiden Sie an diesem Vormittag im späten Mai friedlich auf der idyllischen Weide an der Wümme in der Nordheide. Einzig die Landstraße im Hintergrund erinnert daran, dass Wistedt nicht weit von Hamburg entfernt liegt. Die Tiere der schottischen Rinderrasse Galloway verfolgen mit neugierigen Augen, was die Besucher auf der Weide so treiben. Aus der Ruhe bringen lassen sie sich jedoch nicht: Wilma macht sich an der Tränke zu schaffen, Sabine säugt ihr Kalb und die anderen Herdenmitglieder genießen die spärlichen Sonnenstrahlen. Galloways sind für ihr ausgeglichenes Wesen bekannt und zeigen weder Scheu noch Aggressivität Menschen gegenüber. Dass die Rinder vom Hof Wümmetal ein solch entspanntes Verhältnis zu Zweibeinern haben, hat auch noch andere Gründe. „Menschen bedeuten für sie etwas Positives, denn dann bekommen sie immer entweder Futter oder Pflege sowie Streicheleinheiten“, erzählt Besitzerin Judith Reinhard.

Galloways: glückliche Rinder
Judith Reinhard mit ihrem Zuchtbullen Ultra Big

Ihr ist es wichtig, ihre Rinder artgerecht in der Natur halten zu können. Für diese Haltungsweise sind Galloways prädestiniert. Die Rinderrasse hat sich ihre Ursprünglichkeit bewahrt und ist gänzlich ungeeignet für die Massentierhaltung. Stattdessen leben die Tiere auf dem Hof Wümmetal im Sommer wie im Winter auf saftigen grünen Wiesen und bringen dort auch ihre Kälber zur Welt. Judith Reinhard hat den Hof 1999 von ihrem Vater geerbt. Inzwischen bewirtschaftet sie zusammen mit ihrem Mann Volker Mundel die 20 Hektar rein durch Galloway-Haltung: Glücklicherweise hilft die Herde tüchtig bei der Landschaftspflege mit. Zwar betreibt die ehemalige Moderedakteurin die Landwirtschaft nicht hauptberuflich, doch als ein exotisches Hobby betrachtet sie die Galloway-Zucht deshalb noch lange nicht. Mit Kapuzenpulli und Gummistiefeln gerüstet und auch bei strömendem Regen draußen, besteht da bei Judith Reinhard auch keine Gefahr. Im Gegenteil, im Laufe der Jahre hat sie sich mithilfe von zahlreichen Seminaren ein solides Fachwissen angeeignet und kennt sich im "Rinderjargon" aus. Für Judith Reinhard ist Hof Wümmetal mehr als ein Hobby, es ist ihre Leidenschaft. "Mich macht es glücklich, wenn ich hier bin", bringt sie ihre Motivation auf den Punkt.

Glückliche Kindheit

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Unglaublich putzig: Gallowaykälber

Die Kälber auf dem Hof Wümmetal bleiben bis zum Alter von zehn Monaten bei ihren Müttern. Sowohl die jungen Bullen als auch die Färsen (Kühe, die noch nicht gekalbt haben) kommen dann in eine separate Herde. Judith Reinhard bedeutet es viel, dass die Kälber unter guten Bedingungen aufwachsen. Daran besteht auch kein Zweifel: Wenn die jungen Galloways über die Weiden toben, sehen sie aus wie spielende Plüschtiere. Ein Eindruck, den die gelben Ohr-Marken noch verstärken. Wird es ihnen zu heiß, legen sie sich in die Kuhlen auf der Weide, so dass nur noch die Köpfe rausschauen. Früher seien sie bei heißem Wetter in die Wümme gestiegen, um die Beine zu kühlen, erzählt Judith Reinhard. Da sie danach auf der falschen Seite wieder hochgeklettert seien und in Nachbars Garten gestanden hätten, verhindert inzwischen ein weißer Zaun das erfrischende Bad.

Respektvoller Umgang

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In der Mutterkuhhaltung bleibt die Milch den Kälbern vorbehalten

Diese so genannte Mutterkuhhaltung ist nicht zuletzt deswegen möglich, weil Galloways reine Fleisch- und keine Milchkühe sind. Die Milch der Muttertiere ist exklusiv für die Kälber bestimmt. Dass die Tiere im Alter von 28 bis 36 Monaten geschlachtet werden, mag auf den ersten Blick hart erscheinen, gehört aber zur Nutztierhaltung dazu. Für Judith Reinhard besteht die Frage nicht im "ob", sondern eher im "wie" und "wann" die Tiere geschlachtet werden. Wenn es soweit ist, begleitet sie ihre Tiere zum nahen Schlachter und stellt den Viehtransporter schon einige Tage vorher auf die Weide, damit sich die Rinder daran gewöhnen. Kälber schlachten zu lassen, kommt für Judith Reinhard indes nicht in Frage. Diese sollen die ersten Monate ihres Lebens genießen können. Ziel ist es, den Tieren bis zuletzt ein stressfreies artgerechtes Leben zu ermöglichen. Für die zierliche 50-Jährige ist der gegenseitige Respekt zwischen Mensch und Tier wichtig. Ein Umstand, der für jeden schnell offensichtlich wird, der sieht, wie sie mit ihren Tieren umgeht.

Delikates Fleisch

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Galloway-Fleisch ist mager und schmackhaft

Im Gegensatz zur „intensiven“ Viehhaltung kommt es bei der so genannt „extensiven“ Haltung der Galloways nicht darauf an, dass die Tiere möglichst schnell Gewicht zulegen. Im Gegenteil, Galloways sollen sich im Freien viel bewegen und bekommen kein Kraftfutter zugefüttert. Dies entspricht nicht nur ihrer Natur, sondern nur so kann sich der typisch feine Geschmack des Fleisches entwickeln. Das magere Fleisch hat feine Fettäderchen, schmeckt aromatisch und leicht nussig. Besonders zart ist die Konsistenz von Ochsenfleisch, während Bullenfleisch einen intensiveren Geschmack und eine festere Konsistenz hat. Wichtig für die gute Qualität von Gallowayfleisch ist zudem, dass dem Fleisch ausreichend Zeit zum Reifen gegeben wird, dieses "Hängen" kann bis zu drei Wochen dauern. Um ein offizielles Bioprodukt handelt es sich bei Judith Reinhards Fleisch allerdings nicht. Sie ist von den Standards vieler Biosiegel enttäuscht. Statt auf ein Siegel setzt sie deshalb lieber auf Transparenz. Ihr Motto heißt „Wissen was man isst!“ und dementsprechend können Interessierte nach vorheriger Ankündigung den Hof besuchen. Jeden Samstag von 10h bis 17h ist auf dem Hof Wümmetal Tag der Offenen Tür.

Das Fleisch der Wümmetal-Galloways gibt es jeweils nach den Schlachtterminen im Frühjahr und im Herbst. Dann verkaufen Judith Reinhard und Volker Mundel Fleischpakete ab einem Gewicht von 10 kg, die verschiedene Teile wie beispielsweise Steaks, Braten, Beinscheiben und Hackfleisch enthalten. Wer nicht bis dahin warten will, trifft Judith Reinhard öfters auf dem Hamburger Isemarkt, wo sie äußerst schmackhafte Salami und Leberwurst anbietet. Das Züchterehepaar genießt Gallowayfleisch übrigens am liebsten als Steaks frisch vom Grill oder in Form von Hackfleisch in Spaghetti Bolognese.

Fakten zu Galloway-Rindern

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Galloways gibt es in unterschiedlichen Farbschlägen: Diese Kuh ist blond (dun)

Galloway-Rinder stammen aus Südwestschottland und gehören zu den ältesten Rinderrassen weltweit. Bereits im zweiten Jahrhundert nach Christus beschrieben die Römer schwarze, hornlose Rinder in der Nähe des Hadrianwalles. Die im Vergleich zu anderen Rassen relativ kleinen Galloways eignen sich nur für eine extensive Haltung im Freien ohne Futtermast. Die hornlose Fleischrasse lebt im Herdenverband. Vielfältig sind die Farbschläge der Rinder mit dem dichten Fellkleid: Die Tiere werden in schwarz (black), blond (dun) und rot (red) gezüchtet. Eigenständige Farbschläge sind die so genannten "Belted", Rinder in den genannten Färbungen mit einem weißen Streifen oder "Gurt" in der Körpermitte, sowie die "White Galloway", die am ganzen Körper mit Ausnahme der Ohren und des Bereichs um Maul, Augen und Klauen weiß sind. Neben den Schottischen Hochlandrindern gehören die Galloways zu den beliebtesten robusten Rinderrassen in Deutschland.

Weitere Infos zu Galloway-Rindern gibt es auf der Homepage des Bundesverbandes Deutscher Galloway-Züchter und beim Galloway-Hof Wümmetal.