Unterwegs in London

Lange lebte die Stadt von der anglo-indischen Küche und netten Chinesen. Der Rest war Pub Food. Dann kam Jamie Oliver, und in London erwachte die internationale Genusskultur. »e&t«-Koch Adam Koor hat sich von seiner Schwägerin Anna die Stadt zeigen lassen. Als Köchin, Restaurant-Scout und Journalistin kennt sie sich in London super aus.

Old English Cuisine

London Adam und Anna Koor
Adam und seine Schwägerin Anna Koor im "Fox & Anchor"

Pie und Beef zu Ale und Cidre: Im Pub Fox & Anchor gibt es englische Traditionsküche. Der junge ivorisch-französische Chefkoch Kalifa Diakhaby macht seinen Job so gut, dass die Leute mittags ohne zu murren für Steak & Chips etwa 22 Euro zahlen. Das Fox & Anchor, seit rund 300 Jahren nicht nur für Marktleute aus Smithfield eine Institution, gehört heute zur Cunning Plan Pub Company, die in London auch den Bull Pub (Bishopsgate), das Hide Restaurant & Hotel (Bishopsgate) sowie die St. Barts Brewery (Smithfield) betreibt. Und darüber ein eigenes Weingut nebst Obstgärten und Kellerei unterhält. Von dort stammen die Weine im Fox & Anchor und der Cidre aus Flaschengärung. Wer ein Ale möchte, findet sechs täglich wechselnde zur Auswahl, neben Lager, Weizen, Pale Ale, Stout und Fruit Beer. Zum Braised Beef & Bone Marrow Pie, einem lang geschmorten Rindergulasch unter Blätterteig, aus dem ein Markknochen ragt, empfiehlt Kalifa Diakhaby ein Fox House Ale. Es wird exklusiv fürs Fox & Anchor gebraut und im Metallkrug serviert. Und der Markknochen gehört ausgelöffelt.

Britain meets Italy

London Trattoria Bocca di Lupo
Londons Top-Italiener: "Bocca di Lupo"

Eine einfache Trattoria in Soho nennt das Bocca di Lupo sich auf Facebook. Es muss ein Witz sein. Immerhin steht dort noch etwas von "appetitlichster italienischer Regionalküche". Was der Sache schon näher kommt. Seit vier Jahren kocht Alberto Comai nun im Bocca, das mancher, der hier an langer Theke schlemmte, zu den besten italienischen Restaurants Großbritanniens zählt. Fast alle Zutaten kommen aus England oder werden drei- bis viermal pro Woche aus Italien angeliefert. Der täglich wechselnden Karte ist zu entnehmen, aus welcher Region ein Gericht stammt. Mit Anchovis gefüllte Salbeiblätter in Knusperteig: Rom. Seebrassen-Carpaccio mit Orangen-Rosmarin-Vinaigrette: Venetien. Oktopus mit gerösteten Tomaten, Sellerie und Basilikum: Sizilien. Wahlweise small oder large portioniert. Die Luganega-Salami mit Foie gras auf Emmer-Steinpilz-Risotto ist eine Eigenkreation. Alberto traut sich und seinen Gästen etwas zu. Da kann einem auch schon mal ein Seeigel vorgesetzt werden. Roh, zum Auslöffeln. Aus Island. Und Alberto lädt einen danach auf ein Eis ein - ins Gelupo nebenan. Die Eisdiele der besten einfachen Trattoria von ganz Soho.

Modern französische Küche

London Restaurant Seven Park Place William Drabble
Sternekoch William Drabble im Restaurant "Seven Park Place"

Den ersten Stern bekam er mit 26, kochte in den besten Restaurants des Landes, allein zehn Jahre in Gordon Ramsays Aubergine. Seit 2009 steuert William Drabble nun das Seven Park Place im fünffach besternten St. James's Hotel. Seine modern französische (längst Michelin-geadelte) Küche ist ohne jeden Schnickschnack erlesen, fußt auf Zutaten allererster Güte: schmackhaftestes Fleisch, Fisch und Gemüse ausgewählter regionaler Produzenten, beste Trüffeln aus Frankreich. Auf Wunsch mit einer Weinbegleitung, die herausragt. Zu kurzgebratener Foie gras mit karamellisierten Haselnüssen öffnet Sommelier Marco Feraldi einen roten Monastrell dulce, auf 8-10 Grad heruntergekühlt. So was kann einem die Sprache verschlagen. Adam fand's: "Süß, dick - great."

Typisch britisch: Feinkost, Tee & Törtchen

London Fortnum und Mason
Anna und Adam beim High Tea

"Trifft heißer Tee auf minderwertiges Porzellan, kann es zerbrechen. Also gab man früher vor dem Tee zum Kühlen etwas Milch in die Tasse." Dass daher die (un-)Sitte mit der Milch im Tee stammt, erfährt man bei Fortnum & Mason, der urbritischen Institution am Piccadilly mit über 300-jähriger Geschichte. Adam und Anna naschten sich dort zum High Tea von unten nach oben durch die Etageren: erst die Sandwiches, dann Scones (süß und herzhaft), dann die Cakes. Wahlweise mit Classic Blend (44 £) oder Single Estate Tea (48 £) serviert. Very sophisticated.

Drinks & Cocktails am Kamin

London Cocktail-Lounge im Zetter Townhouse
Die Cocktail-Lounge im "Zetter Townhouse"

Gute Hotel-Bars gibt es in London ziemlich viele. Die Cocktail-Lounge im Zetter Townhouse, dem 13-Zimmer-Ableger des Zetter-Hotels am St. Johns's Square, zählt schon wegen ihres Interieurs dazu: große, gemütliche Sitzgelegenheiten vor leicht verschrobener Wandkunst, Kamineckchen, dezenter Hintergrundjazz - ein Ort, zugleich stylish und oldfashioned, an dem man sich von der Unbill des Tages erholt. Und Medizin ist reichlich vorhanden. Steve Pennack, seit zwei Jahren Head Bartender, versorgt die Gäste mit dem gebotenen Maß an Aufmerksamkeit und Zurückhaltung mit süßen, bitteren, mehr oder weniger hochprozentigen Alkoholika. Vor allem Whisky und Gin sind sortenreich vertreten - Gimlet und Collins gehen immer. Viele Gäste kommen auch wegen der Conigliaros - von Cocktail-Papst Tony Conigliaro speziell fürs Townhouse entwickelte 25-£-Drinks. Und lassen sich dazu das kleine Menü servieren, das Bruno Loubet zu Tonys Cocktails schuf. Die Trends kommen und gehen. Und Pennack ist Barmann genug, um im Blick zu haben, was sich tut. Seine Prognose: "Gin ist irgendwann durch. Dann kommen Tequila und Mescal."

Street Food

London Adam auf dem Maltby Market
Adam auf dem Maltby Market

Der Maltby Market ist etwas für Leute, die schon eingekauft haben. Hierher geht man Samstags auf eine Portion Meeresfrüchte, einen Potdog (wurstbasiertes Street Food ohne Brötchen), eine koschere Hühnersuppe, ein Stück Sous-vide-Gegartes oder auf einen Mate to go mit Begleitgebäck. Härteres gibt's bei den Jungs mit dem Vogel (am Hut). 30 ml ihres in London destillierten Little Bird Gin ergeben mit 20 ml Cointreau, 50 ml Grapefruitsaft und 2 Tl Orangenmarmelade einen ziemlich beflügelnden Early Bird Breakfast Martini.

Internationale Küche: Restaurant Moro

London Restaurant Moro
Anna und Adam bei Sam Clark im Restaurant "Moro"

Sams Spezialität ist das Brot. Er nimmt zwei Hände Sauerteig aus einem großen Korb und wirft den Fladen mit Schwung durch die offene Luke in den Steinofen. Auch dafür kommen die Leute her. Das Moro ist so "down to earth", als läge es irgendwo am Strand in Marokko. Sam Clark und Sam(antha), seine Frau, sind viel gereist, in Nordafrika, dem Mittelmeerraum. Von dort stammen die Ideen zu den gebratenen Botifarra- und Morcillo-Würsten mit püriertem Kohl oder den Grillsardinen mit Linsen-Kichererbsen-Pilaw. Dass Sam auch ein Faible für Sherry hat, merkt man beim Dessert: zu Manchego und höhlengereiften Schafs- und Ziegenkäsen empfiehlt er den Oxidative Sherry flight: Amontillado, Palo cortado und Oloroso dulce, drei andalusische Bernsteinfunkler, dreimal 50 ml.