Interview mit Eschi Fiege

Die Wienerin Eschi Fiege kocht mit Leidenschaft - am liebsten mittags. Zur Präsentation ihres ersten Buches Eschi Fiege's Mittagstisch haben wir sie im Kochkontor in Hamburg getroffen, wo sie uns einiges über ihre Schwäche fürs Mittagessen und ihr erstes Kochbuch erzählt hat.

Ein bis zweimal die Woche lädt Eschi Fiege in ihre Wohnung am Wiener Naschmarkt zum Mittagessen ein. Sobald ihre karierte Fahne am Balkon flattert, dürfen sich Freunde und Bekannte auf ein 3-Gänge-Menü freuen. Alles begann, als Eschi Fiege anfing, regelmäßig für ihre Tochter Mittagessen zu kochen. Freunde kamen vorbei, Rezepte wurden nachgefagt...

Jetzt hat sie ihre leckersten Rezepte in einem wunderbaren Kochbuch versammelt, das Eschi Fieges Leidenschaft fürs Kochen ganz großartig einfängt. Wir haben Eschi Fiege und Fotografin Vanessa Maas einige Fragen zum Kochbuch und zum meditativen Aspekt des Mittagessens und des Kochens gestellt.

Interview mit Eschi Fiege
Eschi Fiege auf dem Wiener Naschmarkt

Was lieben Sie so sehr am Mittagessen?

Eschi Fiege: "Das Mittagessen finde ich deswegen so schön, da man davon noch richtig was hat. Erstens hebt es einen so schön aus der Zeit raus. Alles was danach ist, ist anders. Davor ist Hektik, doch wenn man sich wirklich hinsetzt zum Mittagessen, ist man nachher einfach ein bisschen ruhiger, ein bisschen gelassener - es geht einem einfach einen Tacken besser. Deswegen, weil man sich diese Zeit genommen hat und, ganz simpel, einfach gut gegessen hat, was auch für den Körper gut ist. Ich finde das Mittagessen sehr viel spezieller als das Abendessen, es ist so mitten im Leben, mitten im Tag drin. Anders als am Abend, da ist man schon so von allem weg, in so einer Freizeit."

Und was essen Sie abends?

Eschi Fiege: "Ich ess’ immer alles. (lacht). Aber am liebsten mag ich am Abend Suppe. Nicht, unbedingt, wenn ich Gäste einlade, aber für so einen Alltagsabend für mich privat, Suppe – oder Tarte."

Wie ist die Idee zu dem Kochbuch entstanden?

Eschi Fiege: "Die Idee ist daraus gekommen, dass Leute immer wieder gefragt haben "Wie machst du denn das, wie ging denn das jetzt noch mal ...?" Und ich immer Zettelchen geschrieben habe. Als ich anfing mittags regelmäßig für meine Tochter zu kochen, bin ich in so einen Flow rein gekommen, woraus sich Gerichte entwickelten, die, wenn man sie nicht aufschreibt, weg sind. Man denkt, ooh, das merk ich mir, das habe ich so und so gemacht, aber eine Woche später weiß man das nicht mehr. Dann habe ich angefangen, alles aufzuschreiben. Irgendwann hatte ich diese Rezeptsammlung. Dann lag’s auf der Hand - wenn man schon immer ein Buch machen wollte, einem aber nichts einfällt, was man in einem Roman schreiben soll, dann fasst man die Rezepte als Kochbuch zusammen - da hat man mehrfach was davon."

Wie kam es zur Zusammenarbeit mit der Fotografin Vanessa Maas?

Eschi Fiege: "Wir kennen uns persönlich schon lange. Dann hat sich dieses Buch im Kopf entwickelt. Vanessa hat eine ganz spezielle Art, Dinge anzugucken und eine besondere Herangehensweise. Ich wollte unbedingt mit jemandem arbeiten, der noch kein Kochbuch fotografiert hat. Vanessa ist ja eine großartige Fotografin in anderen Bereichen, aber das Kochbuch war neu für sie. Wir haben zusammen unser „erstes Kind“ bekommen. Das erste Mal miteinander zu teilen, das war mir wichtig. Die Fotos vermitteln viel von dem, was in dem Buch drin ist – das ist Wahnsinn, das ist echt aufgegangen."

Was ist das Besondere an dem Buch?

Eschi Fiege: "Wir wollten von Anfang an ein Buch machen, das nicht nur Rezepte abbildet, sondern auch eine Geschichte erzählt. Sowohl mit den Bildern als auch die Geschichten, die schriftlich im Buch vorkommen. Es war wichtig, dass da auch eine Wärme bei vermittelt wird.

Vanessa Maas: "Ich finde das auch. Das Buch geht über ein Kochbuch hinaus. Es ist wahnsinnig persönlich und anders geschrieben als andere Kochbücher."

Woher kommt Ihre Inspiration für die Gerichte?

Eschi Fiege:: "Zum einen lebe ich am Naschmarkt, da gehe ich jeden Tag rüber, da sieht man ständig was Saison hat. Da liegen diese Bittergurken und du denkst dir, die sehen ja wahnsinnig aus, was kann man denn mit denen machen? Dann fragt man, kauft sie und probiert rum.

Ich komme auch aus einer Familie, in der immer gekocht und immer gemeinsam gegessen wurde. Meine Mutter ist Südtirolerin, also Italienerin, und sie konnte wirklich gut kochen. Sie hat auch ständig was ausprobiert, wir wurden mit eigenartigen Kochkonzepten konfrontiert, die manchmal nicht so wahnsinnig lustig waren, wie beispielsweise „Hirn mit Ei“ und lauter so ein Kram – das mochte man als Kind nicht essen. Aber man hat gesehen, dass es ein Feld ist auf dem man was machen kann. Mit acht Jahren hat meine Mutter immer gesagt: „Du machst die Salatsauce, das kannst du besser.“ Ich habe als Kind auch immer „Restaurant“ gespielt, die weißen Steine waren die Kotelettes, der Sand Kartoffelpüree, Suppe war Wasser mit Blümchen drin ... (lacht).

Sie haben in Hamburg Kunst studiert. Abgesehen vom Wackelpudding und der roten Grütze, die Sie immer in der Mensa gegessen haben: Welches Gericht verbinden Sie mit der norddeutschen Küche?

Eschi Fiege: "Birnen, Bohnen und Speck. Das liebe ich. Dazu habe ich auch eine vegetarische Variante im Buch gemacht. Ich liebe dieses Hamburgische salzig-süße, auch die Aalsuppe mit dem Dörrobst und so – das ist zwar sehr speziell, aber wenn das gut ist, ist das sooo gut! Auch Schwemmklöße und dieses ganze eigenartige Zeugs ..."

Warum kochen Sie ausschließlich vegetarisch?

Eschi Fiege: "Das ist ein Zufall, kein Dogma. Ich wollte einfach wissen, wie weit das gehen kann. Ganz ehrlich hatte ich auch keine Lust ständig Fleisch zu kaufen, da es hier am Naschmarkt relativ wenig gute Fleischer gibt, und ich dieses andere Fleisch nicht kaufen will. Ich wollte wirklich wissen, wie weit geht das. Kann man „Festessen“ machen, wo man den Gästen ja auch seine Hochachtung ausspricht? Ich bin überrascht: Das geht ganz weit!"

Vanessa Maas: "Das geht sogar so weit, dass Leuten, die mehrfach bei Eschi essen waren, erst nach dem dritten oder vierten Mal aufgefallen ist, dass sie fleischlos kocht, weil es gar nicht so laut deklariert wird, und die irgendwann sagen: “Ist mir gar nicht aufgefallen, aber stimmt, ist ja nie Fleisch dabei.“ Die Gerichte sind so schmackhaft und vielfältig, dass einem einfach nichts fehlt."

Kochen Sie lieber alleine oder auch mit anderen?

Eschi Fiege: "Ich koch gern mit anderen Leuten. Sehr gerne. Ich bin zwar ein Kontrollfreak bei vielen Sachen, aber lustigerweise nicht beim Zusammenkochen. Ich bin relativ umgänglich dann. Wenn ich jetzt natürlich Gäste habe, dann bin ich ziemlich unleidlich, da braucht man nicht mit mir reden, ob man da was anders machen kann (lacht). Aber wenn man sagt, lass mal gemeinsam was kochen, bin ich nicht sehr bossy."

Gibt es jemanden, mit dem Sie gern ein Menü zusammen kochen würden?

Eschi Fiege: "Ja, mit Nigel Slater und Hugh Fearnley Whittingstall. Ansonsten koche ich sehr gern mit meinem Mann und mit Vanessa."

Auch mal keine Lust zum Kochen?

Eschi Fiege: "Ja. Aber mir geht’s immer gut, wenn ich in der Küche bin. Wäre ich Ärztin würde ich Kochen verschreiben. „Therapeutisches Kochen“ sozusagen. Beim Kochen kommt man mit so wesentlichen Dingen und Fragen des Lebens in Kontakt. Leben, Vergänglichkeit... Wenn die Frucht, die an einem Tag perfekt ist, anfängt am nächsten zu vergehen ... Da ist so viel mehr drin im Kochen und so viel Essentielles über das Leben. Ich finde, die Küche ist ein ganz toller Ort zum Nachdenken. Man nährt sich auf mehreren Ebenen – und kann noch mit anderen teilen. Aber auch für sich alleine sollte man kochen, um eine Nähe zu den Dingen herzustellen. Ich verstehe, dass jeder, der viel zu tun hat, nicht ständig selber kochen kann, aber als Lebensprinzip sollte man sich diese Achtsamkeit und diese Zeit dafür nehmen. Man hat bei allem im Leben mehr davon, wenn man da ist, wenn man’s macht und nicht woanders."

Vielen Dank für das Gespäch.

Hier geht's zur Rezension von Eschi Fiege's Mittagstisch